Was wir wählen, wenn wir uns selbst zuhören
- Anja Kleinschmidt

- 3. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Es wird Sommer und hier kommt die Karte für den Juni.

Setze Prioritäten
Deine Prioritäten sind allen um dich herum bekannt, weil sie auf deinen Handlungen beruhen. Wir können alle sehen, was dir wirklich wichtig ist, wenn wir beobachten, wie du deinen Tag, deine Woche oder dein Jahr verbringst.
Schau dir genau an, wem oder was du heute dienst. Bist du im Einklang? Müssen deine Prioritäten verschoben werden, damit du gesund und ganz bleibst? Dies ist ein guter Zeitpunkt, um zu prüfen, wo und wie du dich zeigst und ob es deinen Werten dient oder nicht.
Ich gebe zu, dieses Thema hat mir unheimlich viel Raum abverlangt. Prioritäten sind ein riesiges Feld. Und je länger mich dieser Text begleitet hat, desto schwerer fiel es mir, mich für eine Richtung zu entscheiden. Weil Prioritäten so viele Ebenen haben.
Es gibt die Alltagsprioritäten: die Dinge, die unser tägliches Leben am Laufen halten. Arbeit. Einkaufen. Termine. Kinder. Haushalt. Bürozeug. Sie sind wichtig, aber sie sagen wenig darüber aus, wer wir im Kern sind.
Und dann gibt es die inneren Prioritäten: die, die aus unseren Werten entstehen. Aus unseren Bedürfnissen, Grenzen, Sehnsüchten. Diese Prioritäten zeigen sich darin, wie wir Beziehungen leben, wie wir Entscheidungen treffen, wie wir mit uns selbst umgehen und wie wir uns der Welt zeigen.
Ganz so einfach ist die Unterscheidung jedoch nicht. Denn selbst unsere inneren Prioritäten entstehen nicht im luftleeren Raum. Wir alle sind geprägt von Erwartungen, Rollenbildern, gesellschaftlichen Strukturen - und ja, auch vom Patriarchat, das über Generationen beeinflusst hat, wie sehr (oder wie wenig) wir uns selbst priorisieren dürfen.
Und so stellt sich die spannende Frage: Sind das wirklich meine eigenen Prioritäten - oder sind es Prioritäten, die ich übernommen habe, weil ich dachte, dass es so sein muss?
Ein Thema für später und ein Fokus für heute
Das Thema Patriarchat lässt sich meiner Meinung nach nicht vollständig von inneren Prioritäten trennen. Darauf jetzt umfassend einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Vielleicht wäre das sogar ein Thema für eine eigene Blogreihe - irgendwann später, vielleicht mit einem neuen Kartendeck, das sich feministischen Fragen/ Themen widmet.
Für heute möchte ich mich auf die Prioritäten konzentrieren, die aus unserem inneren Kern entstehen. Auf die, die uns gesund und ganz bleiben lassen. Auf die, die uns zurück zu uns selbst führen. Ich bin mir sicher, dass wir auf diesem Weg auch herausfinden - oder uns zumindest annähern -, ob das tatsächlich unsere eigenen Prioritäten sind oder von der Struktur Geschaffene.
Wie finde ich heraus, was wirklich meine Prioritäten sind?
Um dem Ganzen näher zu kommen, ist für mich die erste Frage überhaupt: Wie finde ich heraus, was meine eigenen Prioritäten sind? Um das herauszufinden, hilft es mir, mir selbst ein paar Fragen zu stellen. Fragen, die nicht im Kopf und schon gar nicht mal eben schnell beantwortet werden wollen, sondern im Körper, im Gefühl, im Wissen.
Ich stelle einmal ein paar solcher Fragen in den Raum und gebe meine eigene Haltung dazu wieder.
Was fühlt sich weit an - was eng?
Oft zeigt sich eine echte Priorität daran, dass etwas in dir aufatmet, wenn du daran denkst. Weit, warm, ein klares inneres JA. Das Gegenteil ist ebenso wertvoll: Enge, Druck, Müdigkeit. Dein Körper weiß oft früher als dein Kopf, was dir wichtig ist.
Was gibt dir Energie - was nimmt sie dir?
Eine echte Priorität gibt dir Kraft. Sie kostet manchmal Energie, aber sie gibt dir auch welche zurück. Dinge, die dauerhaft erschöpfen, sind selten Prioritäten - eher Verpflichtungen oder Muster.
Was taucht immer wieder auf?
Manchmal zeigt sich eine Priorität darin, dass ein Thema immer wieder anklopft. In ruhigen Momenten. Beim Spazierengehen. Beim Duschen. In Gesprächen. Das sind Hinweise.
Was würdest du schützen?
Eine echte Priorität ist etwas, das du schützen würdest. Zeit, die du verteidigst. Menschen, die du nicht im Stich lässt. Räume, die du brauchst.
Welche Werte tragen dich?
Prioritäten sind gelebte Werte. Wenn du weißt, welche Werte dich tragen - Freiheit, Ruhe, Verbundenheit, Kreativität, Ehrlichkeit, Wohlwollen - dann weißt du auch, welche Prioritäten daraus entstehen.
Was war dir in den letzten Jahren wirklich wichtig?
Welche Entscheidungen hast du aus Überzeugung getroffen - welche aus Gewohnheit? Was hat dich wachsen lassen? Was hat dich geprägt? Was hast du gelernt? Was möchtest du nicht mehr? Das sind oft Hinweise auf Kernprioritäten.
Manchmal zeigen sich meine eigenen Prioritäten in einem Gefühl von Resonanz. Manchmal darin, dass etwas immer wieder in meinen Gedanken auftaucht. manchmal darin, dass ich spüre, wie viel Energie etwas in mir weckt - oder wie viel es mir nimmt. Und manchmal zeigt es sich darin, dass ich erkenne, wie sehr gesellschaftliche Erwartungen meine Entscheidungen beeinflusst haben.
Prioritäten zu finden heißt, ehrlich hinzuschauen: Was ist meins davon?
Prioritäten finden sich im Prozess
Während ich diesen Text geschrieben habe, habe ich selbst gemerkt, wie schwer es mir fiel, meine Priorität zu setzten. Allein schon für diesen Artikel. Das Thema ist so weit, so vielschichtig, dass ich mich immer wieder gefragt habe: Woran halte ich fest? Was lasse ich weg?
Und vielleicht ist genau das schon Teil der Wahrheit über Prioritäten: Sie finden sich im Prozess.
Vielleicht ist es das Wichtigste überhaupt, wahrzunehmen, wie wir leben. Welche Entscheidungen wir treffen. Wofür wir unsere Zeit geben. Und, ob das, was wir tun, wirklich mit dem übereinstimmt, was uns wichtig ist. Selbstbeobachtung ist oft der erste Schritt.
Die Erlaubnis
Wenn wir uns selbst beobachten und feststellen, dass es einer Umsortierung bedarf - dann darf die Erlaubnis einziehen. Wir dürfen uns erlauben, neu zu priorisieren. Wir dürfen uns erlauben, etwas loszulassen, das uns nicht mehr gut tut. Wir dürfen uns erlauben, uns selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Prioritäten sind kein starres System, eher eine Einladung, immer wieder zu uns selbst zurück zu kehren.
Ein Blick zurück - und nach vorn
Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, unsere eigenen Prioritäten ernst zu nehmen, weil viele von uns gelernt haben, zuerst für andere da zu sein. Erwartungen zu erfüllen. Zu funktionieren.
Und da sind wir wieder beim Patriarchat: Unsere Prioritäten entstehen nicht nur aus uns selbst heraus, sondern auch aus dem, was wir über Jahre, Jahrzehnte, Generationen gelernt haben. Und genau deshalb lohnt es sich, immer wieder hinzuschauen: Welche Prioritäten gehören wirklich zu mir - und welche habe ich übernommen, ohne es zu merken?
Vielleicht ist genau das die Einladung dieses Monats: innezuhalten und zu spüren, was wirklich zählt. Der Juni ist ein Übergangsmonat - ein Zwischenraum zwischen Frühling und Sommer. Ein Monat, in dem wir neu sortieren dürfen. In dem wir wir prüfen können, ob das, was uns begleitet, noch zu uns passt. Und ob wir uns selbst den Platz geben, den wir brauchen.
Prioritäten sind nichts Festes. Sie verändern sich mit uns, wachsen mit uns, lösen sich, wenn wir uns wandeln. Und manchmal tauchen sie erst dann auf, wenn wir ihnen Raum geben. Vielleicht ist das die Wahrheit der Karte: dass wir uns selbst zuhören dürfen. Dass wir uns erlauben dürfen, neu auszurichten. Dass wir uns trauen dürfen, unsere eigenen Prioritäten ernst zu nehmen.
Vielen Dank an dich fürs Lesen des Textes. Ich wünsche dir einen Juni, in dem du spürst, was dir wirklich gut tut und du den Mut findest, deine Prioritäten so zu setzen, dass sie dich tragen.
Anja




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